Baugeschichte

Aus Geschichtsseite Lauta
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Die bauliche Entwicklung von Lautawerk ist eng verbunden mit dem Bau des Lautawerks und seiner Entwicklung.


Baubeginn

Am 31. März 1917 begannen mit der Abholzung der Lautaer Heide die Arbeiten für den Bau der Anlagen der Vereinigten Alumium-Werke A. G. (VAW) bei Lauta, Kreis Calau (Bahnstation Schwarzkollm). Nach Rodung des Kiefernwaldes folgten Planierungsarbeiten zur Beseitigung der beträchtlichen Höhenunterschiede auf der künftigen Werksliegenschaft. Mit der Verlegung von Gleisen, vor allem des 6 Kilometer langen Anschlussgleises vom Bahnhof Schwarzkollm zur Baustelle, sowie des Gleises in der Weber-Urban-Allee wurden die Voraussetzungen für den schnellen Transport der für Bau und spätere Produktion benötigten Materialien geschaffen. Im Dezember 1917 waren 18 Kilometer Gleise verlegt; von zuletzt insgesamt 40 Kilometern.


Arbeitskräfte

Zum Einsatz kamen Bauhandwerker, Fuhrleute, Hilfskräfte, Militärinternierte, Kriegs- und Zivilgefangene. Auch Frauen waren darunter. Beauftragte der VAW warben in ganz Deutschland Leute für das Vorhaben an. Das mit der Bauausführung beauftragte Unternehmen Chemische Fabrik Giesheim-Elektron, Griesheim a. Main, gab Anzeigen in regionalen Tageszeitungen auf. Für die Unterbringung der Arbeitskräfte wurden zunächst die Säle der Gasthäuser in Lauta, Laubusch, Tätzschwitz, Schwarzkollm, Klein-Neida und Hoyerswerda genutzt. Die 830 Arbeiterschlafstellen waren schnell belegt. Deshalb begann im Sommer 1917 südlich und südwestlich des künftigen Werksgeländes der Aufbau einer "Barackenstadt".


Barackenstadt Süd

Zunächst wurden 14 einstöckige massive Unterkunftsbaracken und acht zweistöckige Häuser gebaut,..."die später als Familienwohnungen dienen sollten". Da die Errichtung der Ziegelgebäude zu lange dauerte, wurden vor allem genormte Holzbaracken des preußischen Kriegsministeriums (sog. KM-Baracken) mit je 80 Schlafplätzen. Für die Errichtung derselben konnten Unternehmer aus der Umgebung gewonnen werden. Über 100 Baracken wurden aufgestellt. Der grössere Teil davon diente als Lager für die Kriegs- und Zivilgefangenen und war mit einem besonderen Zaun umgeben. Im "zivilen" Teil der Barackensiedlung kamen die angeworbenen Arbeiter unter. Wer keinen Platz mehr fand, wurde morgens und abends - zumeist per Bahn - zu den Schlafplätzen in den umliegenden Gemeinden gebracht. Der dazu auf dem Werksgelände Anfang 1918 gebaute Personenbahnhof "Lautawerk" wurde 1921 abgebrochen. Der erste reguläre Personenzug lief dort am 18. Februar 1918 ein. Zu den nicht mit der Bahn erreichbaren Schlaforten verkehrten Gespanne (Ponys, Kutschpferde, Lastpferde, Ochsen). Drei Holzbracken und eine später errichtete größere Steinbaracke beherbergten die Verwaltungsbehörden des Lautawerks. Das waren das Meldeamt, die Lebensmittelkartenausgabestelle und das Arbeitsbeschaffungsamt. Dem polizeilichen Meldeamt stand der Gendarm Kommoreck vor. Weiterhin gab es ein Baubüro. Dieses war zunächst im Gasthaus Schlenkrich in Tätzschwitz untergebracht, zog dann aber in eine der KM-Baracken ein. Das Baubüro führte die Bücher der Fabrikkassen und war zuständig für die Materialbuchhaltung und die Lohnbuchhaltung. Die übergeordnete Buchhaltung und die eigentliche Zahlstelle für das Bauvorhaben befanden sich in den Geschäftsräumen der Chemische Fabrik Griesheim Elektron AG in Griesheim a. Main. In einem Bericht vom 6. Dezember 1917 schrieb Gustav Adolf Pistor: "Von ...[der] Belegschaft sind noch nicht ganz 50% mit produktiven Arbeiten an den Fabrikationsgebäuden und mit der Gleisverlegung beschäftigt, während die anderen an Baracken, Wohlfahrtseinrichtungen, Wasch- und Baderäumen, Aerztestation, Lichtinstallation, [mit] Rangierarbeiten und mit Arbeiten für die Wasserversorgung beschäftigt sind."

Im Herbst 1918 wurde in einer der aus Stein errichteten Baracken in der Werkssiedlung Süd das Krankenhaus in Betrieb genommen. Es verfügte über einen Operationssaal und über eine Röntgenstation. Ein Desinfektionsgebäude für Neuankömmlinge war als Anbau beigefügt. In späteren Jahren wurde es vom Krankenhaus als Seuchenstation genutzt. Ab 1948 wurde die einstige Krankenhausbaracke zunächst als Lehrbauhof genutzt, nach kurzzeitgem Leerstand ab 1952 als Kinderwochenheim.

Im Frühjahr 1919 baute man in der "Barackenstadt" in der Siedlung Süd, vier der vormals zur Unterbringung von Gefangenen dienenden 120-Mann-Steinbaracken in Wohnungen für vier Familien umzubauen. Mit den übrigen vierzehn Baracken diees typs sollte ähnlich verfahren werden. Sie wurden als "Notwohnungen" angesehen.

Seit 1920 betrieb der Kaufmann Porada einen ambulanten Handel, so genannter Bauchladen. 1925 eröffnete er unweit der einstigen Brackenstadt ein Lebensmittelgeschäft. Weiterhin wurden in diesem Jahr eröffnet. das Geschäft der Gebrüder Knospe und eine Bäckerei in der jetzigen Turmstraße.


Erste Fabrikbauten

Als erstes Steinbauwerk entstand in der Mitte des Bauplatzes eine Transformatorenstation, über die der - zunächst von der Ilse-Bergbau AG - gelieferte Baustrom verteilt wurde. Parallel dazu erfolgte der Bau der Tonerdefabrik, der Alumiumhütte, des Kraftwerks samt Kohlebunker, der Misch- und Silogebäude und anderer bauten. Anfang Juni 1918 war die Tonerdefabrik des Lautawerks teilweise fertiggestellt. Ab September 1918 erfolgte die schrittweise Inbetriebnahme des Kraftwerks. Am 17. Oktober 1918 konnte in der Hütte des Werkes das erste Aluminium erzeugt und in Masseln gegossen werden.

Im Herbst 1918 war die 7 Kilometer lange Einzäunung des Werksgeländes abgeschlossen. eine eigene wachmannschaft der VAW übernahm die Kontrole an den drei Betriebstoren - beim Hauptpförtner im Osten, am Nordtor und am Südtor.

Anfang Dezember 1917 war das zweite Pförtnerhaus im Norden des Betriebsgeländes fertiggestellt. Am 18. Februar 1918 nahm darin das Postamt des Lautawerks seine Dienstgeschäfte auf. Die postalische Anschrift "Lauta Post Schwarzkollm" änderte sich in "Lautawerk".


Die Wohnsiedlungen

Wohnsiedlung Nord

Lageplan der Siedlung Lautawerk, 1920

Mit Datum 30. November 1917 legte der Architekt Clemens Simon den ersten Entwurf für die Kolonie (Siedlung Nord) vor. Ihn ersetzte ein neuer Entwurf vom 13. Dezember 1917. Er sah deutlich weniger Siedlungsbauten vor und wurde ab 1918 als so genannter I. Ausbau umgesetzt. Er war mit 7,45 Millionen Mark veranschlagt. Laut Genehmigungsantrag vom 2. Januar 1918 sollten 150 Arbeiter- und 30 Beamtenwohnungen entstehen. Desweiteren ein Gasthaus, eine Großbäckerei und eine Großmetzgerei sowie Einfriedungen, Be- und Entwässerungsanlagen und eine "Beamten-Speiseanstalt auf dem Werk" (das Beamtenkasino). Mit 21. Oktober 1920 war ein Plan datiert, indem Clemens Simon sowohl die I. Ausbaustufe als auch die II. Ausbaustufe darstellte. "SIEDELUNG LAUTAWERK OB-LAUSITZ. ALTER TEIL - A B C D U. PROJEKTERWEITERUNG" war er betitelt. Für ca. 2.150 Familien Wohnung und je 200 qm Hof- und Gartenfläche hatte Simon den Plan vorgesehen. Realisiert wurde das Projekt lediglich westlich der Parkstraße (im Plan als Tätzschwitzer Straße bezeichnet). Der östliche Bereich - heute u.a. als "Blaue Adria" bezeichnet - blieb unbebaut. Kostengründe werden dafür verantwortlich gewesen sein. Vermutlich aber auch der unsichere Baugrund (sumpfiges Gelände).

Die Siedlungshäuser verfügten über Küche, Bad, Garten und einen Stall für Kleintierhaltung - Ausstattungsmerkmale der gehobenen Klasse. Die ersten Wohngebäude in der Werkssiedlung Nord waren Ende 1918 bezugsfertig. In sie zogen nach und nach Direktoren, Meister und Angestellte.

Anfang Juli 1919 war der Erstausbau der Wohnsiedlung Nord fast beendet. Im Protokoll der VAW-Aufsichtsratssitzung vom 08.07.1919 wird festgestellt: "Von 130 Arbeiterwohnungen sind 24 möbliert und an Beamte [Angestellte] und Meister vermietet. Die übrigen 106 Wohnungen sind fertig gestellt und von Arbeiter- und Meisterfamilien bezogen worden." Bei den "Wohnungen" handelte es sich entweder um Häuser bzw. um Doppelhaushälften.

Trotz Zementmangels war die Villa für Direktor Weber-Urban in der Siedlung Nord fertig geworden und im Juli 1919 bereits bezogen.

1925 entstanden in der Siedlung Nord drei Beamtenwohnungen (Wohnungen für Angestellte), das evangelische Pfarrhaus sowie ein geschäftshaus, das für Rechnung der Kreissparkasse Calau mit errichtet wurde und worin diese dann eine Filiale eröffnete. Im Bau befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Nord fünf Beamtenwohnungen, das katholische Pfarrhaus und 22 Eigenheim-Wohnungen für Arbeiter sowie in Süd ein Arbeiter-Ledigenheim mit 200 Betten.

1930 waren in der Siedlung Nord 16 Eigenheimwohnungen in Angriff genommen worden. Zwei davon konnten im März 1931 fertiggestellt und bezogen werden. Die übrigen 14 Wohnungen sollten im Sommer 1931 schlüsselfertig sein.Zur Abrundung des Koloniegeländes und zur Verhinderung unerwünschter Bauten wurden 1931 von dem landwirt Kolle aus Lauta Dorf 4.989 qm zum Preis von RM 9.978,00 sowie von dem im Lautawerk angestellten Heilgehilfen Rogos 692 qm zum Preis von RM 500,00 erorben. 1931 musste die VAW noch mit dem dem bau von zwei Lehrerwohnhäusern in der Siedlung beginnen. Die Kosten dafür wurden auf RM 50.000 geschätzt.


Großmetzgerei

Die Arbeiten an der Großmetzgerei mussten im Frühjahr 1919 wegen Zementmangels zeitweilig eingestellt werden.


Großbäckerei

Am 1. Juli 1919 konnte die Großbäckerei den Betrieb aufnehmen.


Schule

Die VAW war im April 1919 von den zuständigen Behörden beauftragt, "zunächst provisorisch und später endgültig für die nötigen Einrichtungen wie Schule und Kirche zu sorgen".

Sofern es Angestellte und Arbeiter gab, die mit Familie auf die Großbaustelle des Lautawerks gekommen waren, so lebten diese zunächst in der südlich des Baugeländes aus einzelnen Steingebäuden, überwiegend aber aus Holzbaracken bestehenden Siedlung. Für die Schule wurde zunächst ein Raum im Steingebäude Krankenhausstraße/Puschkinallee genutzt. Als der Bau der Wohnsiedlung Nord begann, entstanden am künftigen Markt für die Kinder von Nord und Süd zwei hölzerne Schulbaracken. Die Schulanfänger von Süd erhielten weiterhin im bisherigen Schulraum Unterricht. Die älteren Kinder aus Süd wurden auf ihrem Schulweg über die unbefestigten Sandwege des Bauplatzes von Wachleuten der Berliner Wach-und Schließgesellschaft begleitet.

Im Oktober 1918 begann die VAW in der jetzigen Straße der Freundschaft mit dem Bau eines einfachen Schulgebäudes. Im Frühjahr 1919 nahm darin eine Volksschule als öffentliche Schule des Eigenschulverbandes Lauta die Tätigkeit auf. Sie bestand aus einem Lehrer, der 35 Kinder unterrichtete. 1924 wurde das Schulgebäude mit zwei Seitenflügeln erweitert. 1928 kamen die Turnhalle, Fachräume und der Turm auf dem Mittelgebäude hinzu. 1933 war der Ausbau der Schule beendet. Unterrichtet wurden in ihr alle Kinder der rund um das Werk entstehenden Wohnsiedlungen.

Mit der Erweiterung der Volksschule Nord übernahm die VAW die Verpflichtung, speziell für die Lehrer Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Diese Häuser wurden als Doppelhäuser in westlicher Richtung entlang der heutigen Mittelstraße gebaut. Bis in die 1960er Jahre wurden sie fast ausschließlich von Lehrern bewohnt.


Kirchen

Evangelische Kirche

1922 gab es erste Verhandlungen zum Bau einer evangelischen Kirche in Lautawerk. Als Standort war bereits in den Bauentwürfen von Ende 1917 das nördlich Ende des Angers in der Wohnsiedlung Nord eingeplant. Die Gottesdienste von Protestanten und Katholiken wurden aber zunächst in einem Behelfsbau der Siedlung Süd abgehalten. Baubeginn für die evangelische Kirche war vermutlich im Jahr 1923. Am 21. Dezember 1924, dem 4. Advent, wurde sie feierlich eingeweiht.


Katholische Kirche

Als Beauftragter des Fürstbischofs von Breslau, Adolf Kardinal Bertram, verhandelte der Priester und Vorsitzende des Diözesanvorstandes des Bonifatiusvereins Breslau, Ferdinand Piontek, am 8. Februar 1924 in Lautawerk mit den Verantwortlichen der VAW über den Bau einer katholischen Kirche. Die VA-Verantwortlichen erklärten sich bereit, den Bauplatz in der heutigen Karl-Marx-Straße und 8.000 Mark für den Kirchenbau zu geben. Baubeginn für die katholische Kirche war im Jahr 1925. Am 25. Oktober 1925 informierte sich Piontek vor Ort über den Baufortschritt. Die VAW hatten ihren finanziellen Beitrag auf 13.000 Mark und der Bonifatiusverein Breslau war mit 6.000 Mark beteiligt. Dennoch behinderten Schulden den Kirchenbau. Piontek hielt fest: "Der Bau droht zu stocken, weil die Mittel ausgehen. Aber die Lautarer müssen sich selber mehr anstrengen und Pfarrer Kowallek [Hoyerswerda] muß eifriger dahinter sein." Im Januar 1925 kam ein eigener Seelsorger nach Lauta. Erster Pfarrer im katholischen Pfarramt war Johannes Liebelt. Am 6. Februar 1926 weilte Ferdinand Piontek erneut in Lautawerk. Die Kirche soll zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Monaten in Gebrauch gewesen sein. "Nach einer Besprechung mit den drei Direktoren der Vereinigten Aluminiumwerke und einem gemeinsamen Frühstück im Kasino war für ihn das Projekt Lautawerk zufrieden stellend zu Ende gegangen." Konsekriert sei sie dann am 25. April 1926 durch Adolf Kardinal Bertram worden. In der offiziellen Beschreibung der Kirchengemeinde Lauta wird als Datum dafür der 13. Mai 1926, Christi Himmelfahrt, genannt. Zwei bis drei Wochen später war auch das katholische Pfarrhaus fertiggestellt. [1]



Belege

Die Informationen für die Zusammenstellung der ersten Fassung der vorstehenden Baugeschichte wurden entnommen:

  • Peter Josef Belli: Das Lautawerk der Vereinigte Aluminiumwerke AG (VAW) von 1917 bis 1948. Ein Rüstungsbetrieb in regionalen, nationalen, internationalen und politischen Kontexten (zugleich ein Beitrag zur Industriegeschichte der Niederlausitz). LITVerlag Dr. W. Hopf, Berlin, 2012, ISBN 978-3-643-11716-8.
  1. Hartelt, Konrad: Ferdinand Piontek (1878-1963): Leben und Wirken eines schlesischen Priesters und Bischofs, Köln/Weimar 2008, S. 170 f.